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Das ungefilterte Gesicht von Hong Kong: Zwischen Hochhäusern und Märkten

  • Autorenbild: Endre Lommatzsch
    Endre Lommatzsch
  • 29. Juni
  • 8 Min. Lesezeit

Hong Kong zeigt sich gerne von seiner besten Seite. Die Skyline, die Lichtershow, die Einkaufsstraßen. Wer aber ein paar Schritte abseits der großen Promenaden geht, findet eine andere Stadt. Eine, die lauter ist und roher, die nach Fisch und Gewürzen riecht und in der das Leben so stattfindet, wie es schon immer stattgefunden hat. Keine Hochglanzfassaden, keine inszenierten Momente. Nur Menschen, die ihren Tag leben, in einer Stadt, die niemals stillsteht.


Frau schiebt einen voll beladenen Handwagen über eine breite Stadtkreuzung zwischen Hochhäusern; orange Markierungen am Asphalt.

Es gibt Momente in Hong Kong, in denen man einfach stehenbleibt und schaut. Nicht wegen einem Wahrzeichen oder einem Aussichtspunkt, sondern wegen dem, was sich ganz beiläufig vor einem abspielt. Die Stadt hat ein Tempo, das einen mitreißt, ob man will oder nicht. Aber manchmal, mitten im Lärm und im Gedränge, taucht ein Bild auf, das aus dieser Geschwindigkeit herausfällt. Ein Mensch, der seinen Weg geht, während die Hochhäuser rechts und links wie Wände aufragen. Die Stadt als Kulisse, der Alltag als Hauptdarsteller.


Genau das ist es, was mich an Hong Kong immer wieder fasziniert. Nicht die Skyline allein, nicht die Märkte allein, sondern der Moment, in dem beides zusammenkommt. Wenn das große und das kleine Hong Kong sich kurz im selben Bild begegnen, ohne dass jemand darauf aufmerksam macht.


Die Märkte in Hong Kong sind keine Touristenattraktionen, sondern Arbeitsplätze. Familien, die denselben Stand betreiben wie schon ihre Eltern, in denselben Gassen, mit denselben Handgriffen. Es gibt hier keine Schaufenstergestaltung, keine Marketingstrategie, kein Konzept. Nur Ware, die verkauft werden muss, und Menschen, die das seit so langer Zeit tun, dass es längst Teil von ihnen geworden ist.


Wer früh genug unterwegs ist, sieht die Stadt in einem Zustand, den die meisten Besucher nie erleben. Bevor die Massen kommen, bevor der Tag richtig beginnt, laufen die Dinge schon längst. Fleisch wird vorbereitet, Ware sortiert, Stände aufgebaut. Eine Routine, die sich täglich wiederholt und der man ansieht, dass sie keiner Aufmerksamkeit braucht. Kein Blick in die Kamera, kein Innehalten für jemanden, der mit einer Kamera vorbeiläuft. Nur Konzentration und Handgriffe, die sitzen, weil sie tausendmal geübt wurden. Es ist eine Form von Würde, die man in dieser Selbstverständlichkeit findet. Die Würde von jemandem, der weiß, was er tut, und der keinen braucht, der ihm dabei zuschaut.


Mann richtet an einem Imbissstand mit gegrilltem Fleisch, roten chinesischen Zeichen und hellen Lampen unter einer Überdachung.

Was mich an diesen Momenten immer wieder beeindruckt, ist die Stille, die darin steckt. Nicht Stille im akustischen Sinne, denn laut ist es auf den Märkten Hong Kongs fast immer. Sondern eine innere Stille, eine Konzentriertheit, die man spürt, wenn man lange genug schaut. Diese Menschen sind nicht für die Stadt da, die um sie herum gebaut wurde. Sie sind ein Teil von ihr, ein älterer, verwurzelter Teil, der sich von Hochhäusern und Lichterzeigen nicht beeindrucken lässt. Das Hong Kong der Glasfassaden und der Skyline ist jung im Vergleich zu dem, was auf diesen Märkten jeden Morgen von Neuem beginnt.


Es gibt Stände auf den Märkten Hong Kongs, bei denen man nicht sofort versteht, was verkauft wird. Getrocknetes, Eingelegtes, Abgepacktes in Plastiktüten, die von der Decke hängen wie Lampions. Körner, Pilze, Gewürze, Dinge, die einen Namen haben, den man nicht kennt, und einen Geruch, der fremd und vertraut gleichzeitig ist. Man braucht einen Moment, um sich zu orientieren. Und dann, irgendwo in der Mitte dieses scheinbaren Chaos, sitzt eine Frau und macht einfach weiter. Sortiert, wiegt, wartet. Als wäre die Unordnung um sie herum das Normalste der Welt. Was sie wahrscheinlich auch ist.


Diese Art von Ständen findet man nicht im Reiseführer. Sie sind nicht auf Instagram, sie haben keine englischen Beschriftungen und kein Logo. Was sie haben, ist eine Geschichte, die man in den Regalen ablesen kann, in den abgegriffenen Oberflächen, in den Plastikbehältern, die schon bessere Tage gesehen haben, und in der Gelassenheit der Menschen dahinter, die ihren Stand so genau kennen, dass sie ihn blind bedienen könnten. Es ist diese Art von institutionellem Wissen, das sich nicht aufschreiben lässt und nicht weitergegeben werden kann.


Was mich an diesen Orten besonders fasziniert, ist die Dichte. Nicht nur die physische Dichte der Waren, die sich von der Theke bis zur Decke stapeln und in jeden freien Winkel drängen, sondern die Dichte der Zeit, die sich darin angesammelt hat. Jeder Gegenstand hat seinen Platz, auch wenn dieser Platz von außen wie reines Chaos aussieht. Jede Tüte hängt dort, wo sie hängen soll. Jeder Behälter steht, wo er stehen muss. Es ist ein System, das nur derjenige versteht, der es selbst aufgebaut hat. Und wer das einmal begriffen hat, schaut diese Stände mit anderen Augen an.


Wer an solchen Ständen stehenbleibt und schaut, bekommt einen Einblick in ein Hong Kong, das mit dem Hong Kong der Reiseprospekte kaum etwas zu tun hat. Hier wird nicht für Touristen verkauft. Hier kaufen Einheimische das, was sie brauchen, bei Menschen, denen sie seit Jahren vertrauen.


Ältere Frau in engem Marktstand, umgeben von hängenden Tüten, Eiern und Vorräten; warmes Licht, geschäftige Atmosphäre.

Es gibt einen bestimmten Geruch auf den Märkten Hong Kongs, den man nicht vergisst. Fisch, feuchtes Pflaster, ein Hauch von Räucherwerk aus einem Tempel irgendwo in der Nähe. Es ist kein angenehmer Geruch im klassischen Sinne, aber er ist ehrlich. Er sagt einem, wo man ist, ohne dass man auf ein Schild schauen müsste. Und er bleibt haften, auch noch Stunden später, wenn man längst wieder in der klimatisierten MTR sitzt und die Stadt draußen vorbeizieht.


Die Fleisch- und Fischmärkte in Hong Kong sind nicht für schwache Nerven. Hier wird nicht verpackt und nicht versteckt. Was verkauft wird, sieht aus wie das, was es ist. Roh, direkt, ohne Umwege. Für viele Besucher aus Europa ist das ungewohnt, vielleicht sogar unangenehm. Aber es hat auch etwas zutiefst Ehrliches. Kein Supermarkt, keine Plastikfolie, keine Beschönigung. Nur Ware und Mensch, in direktem Kontakt. Die Distanz, die wir in Europa zwischen uns und dem, was wir essen, gewohnt sind, existiert hier nicht. Und das ist, wenn man ehrlich ist, eigentlich der normalere Zustand.


Was mich an diesen Orten besonders festhält, ist die Atmosphäre zu bestimmten Tageszeiten. Früh morgens, wenn die Märkte gerade öffnen und das Licht noch weich ist, hat alles eine andere Qualität. Das feuchte Pflaster glänzt, die Planen werfen farbige Schatten, und die Menschen dahinter sind noch ganz in ihrer eigenen Welt, unberührt vom Betrieb des Tages, der noch kommen wird. Es sind diese frühen Stunden, in denen die Märkte am authentischsten wirken und in denen die besten Bilder entstehen, weil noch niemand auf die Kamera achtet.

Dämmernder Straßenmarkt: maskierte Frau vor Fischstand, dahinter Mann in Schürze; rosa Kisten und chinesische Deko.

Was mich fotografisch interessiert, ist nicht das Offensichtliche, nicht die Ware allein, sondern die Menschen dahinter. Die Art, wie jemand dasteht. Die Haltung, die Konzentration, die beiläufige Routine. Eine Frau, die ihren Tag beginnt, in einem Laden, den sie wahrscheinlich besser kennt als ihre eigene Wohnung. Das feuchte Pflaster davor, die Farbe der Plane oben, das Licht, das von innen nach außen fällt und die Szene in ein warmes, fast theatralisches Licht taucht. Es sind diese kleinen Details, die ein Bild zu mehr machen als einer Momentaufnahme. Sie machen es zu einem Stück Hong Kong, das bleibt, auch wenn man die Stadt längst wieder verlassen hat. Wer auf den Märkten fotografieren möchte, sollte eines bedenken: Respekt geht vor Motiv. Diese Menschen arbeiten. Sie haben keinen Auftrag, Kulisse zu sein, und sie haben auch kein Interesse daran, es zu werden. Wer das im Hinterkopf behält, ruhig bleibt, nicht in Gesichter drängt und die Kamera manchmal auch einfach sinken lässt, wird merken, dass die besten Bilder ohnehin nicht die gestellten sind.


Hong Kong altert nicht gleichmäßig. Neben Glasfassaden und Luxusmalls gibt es Straßen, die aussehen, als hätte die Zeit beschlossen, einfach weiterzumachen wie bisher. Alte Läden, deren Schilder verblasst sind. Gehwege, die mehr erlebt haben, als man ihnen ansieht. Und Menschen, die durch diese Straßen laufen, als wäre das Gestern und das Heute kein Widerspruch, sondern einfach derselbe Tag.


Frau schiebt einen voll beladenen Wagen vor einem Laden an der Centre Street; orange Markise, ruhige Straßenszene.

Es gibt in Hong Kong eine Gruppe von Menschen, die man überall sieht und die man trotzdem kaum wahrnimmt. Ältere Frauen und Männer, die schwer beladene Karren durch die Stadt ziehen, Karton, Plastik, alles, was sich recyceln lässt und für das sie ein paar Dollar bekommen. Es ist harte Arbeit, körperlich und repetitiv, und sie findet statt, während die Stadt um sie herum ihrem eigenen Rhythmus folgt. Niemand hält an. Niemand schaut hin. Der Karren wird gezogen, die Straße überquert, der Tag geht weiter.


Diese Menschen sind ein Teil von Hong Kong, der in keiner Tourismuswerbung auftaucht und der trotzdem untrennbar zur Stadt gehört. Sie sind ein Zeichen dafür, dass hinter der glänzenden Fassade eine andere Realität existiert, eine, die weniger glamourös ist, aber genauso real. Wer Hong Kong wirklich verstehen will, muss auch diese Seite sehen. Nicht mit Mitleid, sondern mit Respekt. Denn was diese Menschen täglich leisten, hat eine Würde, die man in keinem Hochglanzprospekt findet.


Fotografisch sind diese Momente schwierig. Man hat oft nur eine Sekunde, bevor die Person vorbei ist und das Bild verloren. Keine Zeit zum Nachdenken, keine Zeit zum Einstellen. Nur der Moment, die Kamera und die Entscheidung, abzudrücken oder nicht. Genau das macht Street Photography in einer Stadt wie Hong Kong so fordernd und gleichzeitig so unwiderstehlich.


Es gibt Läden in Hong Kong, die aussehen, als wären sie aus einer anderen Zeit gefallen und hätten sich einfach geweigert, wieder aufzustehen. Vollgestopft bis unter die Decke, ohne erkennbare Ordnung, ohne Preisschilder, ohne irgendetwas, das einem Außenstehenden helfen würde, sich zurechtzufinden. Porzellan, das sich in Regalen stapelt, Schüsseln, die in Zeitungspapier gewickelt auf dem Boden liegen, Vasen, die zwischen Kartons eingeklemmt sind und irgendwie trotzdem nicht fallen. Es ist ein Chaos, das nur dem gehört, der es erschaffen hat. Und es ist ein Chaos, das einen seltsamen Sog entwickelt, wenn man lange genug davor steht. Man fängt an, Dinge zu entdecken. Eine bemalte Teekanne ganz hinten im Regal. Ein Stapel Schüsseln, deren Muster man so noch nie gesehen hat. Objekte, die in keinem Onlineshop auftauchen und die wahrscheinlich nirgendwo sonst auf der Welt zu finden sind.


Was diese Läden von allem anderen unterscheidet, ist ihre vollständige Gleichgültigkeit gegenüber dem, was um sie herum passiert. Hong Kong verändert sich schnell, neue Gebäude, neue Konzepte, neue Läden, die in wenigen Monaten kommen und gehen. Aber diese alten Porzellanläden, diese vollgestopften Familiengeschäfte in verwitterten Gebäuden, die stehen einfach da. Nicht trotz des Wandels, sondern als wäre der Wandel schlicht nicht ihre Angelegenheit. Sie verkaufen, was sie immer verkauft haben, an Menschen, die wissen, was sie suchen, und die nicht erst googeln müssen, bevor sie eintreten.


Mann sitzt vor einem Keramikladen und tippt aufs Handy; links stapeln sich bunte Schalen, Töpfe und Kartons.

Und mitten in diesem Chaos sitzt ein Mann. Ruhig, aufrecht, den Blick auf sein Handy gerichtet. Als wäre der vollgestopfte Laden hinter ihm die selbstverständlichste Kulisse der Welt. Was er wahrscheinlich auch ist, zumindest für ihn. Er kennt jeden Gegenstand, jeden Stapel, jeden Winkel seines Ladens. Er weiß, wo die gute Ware liegt und wo die einfache. Er weiß, wer kauft und wer nur schaut. Er weiß, wann ein Kunde wirklich interessiert ist und wann jemand nur mit der Kamera vorbeiläuft und ihn für ein exotisches Motiv hält. Und er lässt das alles geschehen, ohne seinen Blick vom Handy zu heben. Eine Form von Souveränität, die man sich nicht antrainieren kann. Die einfach da ist, weil man lange genug an einem Ort geblieben ist, um zu wissen, dass man nirgendwo anders hinmuss.



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Hey, ich bin Endre - der Inhaber von fokus fernweh. Ich hoffe, dass ich Euch inspirieren kann, neue Orte zu entdecken und die Welt zu bereisen! Ob Ihr erfahrene Globetrotter seid oder gerade erst mit dem Reisen begonnen habt - ich hoffe, Ihr findet hier die Motivation und die Informationen, die Ihr für Eure Unternehmungen braucht!


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DER MENSCH HINTER FOKUS FERNWEH

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"Reisen zeigt Dir die Welt.

Fotografieren lehrt Dich, sie zu sehen."

Ingenieur aus Überzeugung, Fotograf aus Leidenschaft und Reiseblogger aus purem Fernweh. An einem Ort bleibe ich selten lange - dafür gibt es einfach zu viele spannende Geschichten auf dieser Welt. 

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