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Fremde Straßen, vertraute Momente: Eine Streetphotography-Reise durch 6 Städte

Autorenbild: Endre Lommatzsch
Endre Lommatzsch
vor 10 Stunden
16 Min. Lesezeit

Ich habe längst aufgehört, mir Städte nach ihren Sehenswürdigkeiten zu merken. Was hängen bleibt, sind Gesichter. Der Mann mit der Zigarette im Gegenlicht der Chicagoer Skyline. Der junge Mann in Hongkong, der auf sein Handy starrt, während hinter ihm eine ganze Skyline im Dunst verschwindet. Drei NYPD-Officer, die vor ihrem Van stehen, als hätten sie gerade beschlossen, das nächste große Coverfoto einer Serie zu werden, ganz ohne es zu wollen.


Diese Fotostrecke ist über mehrere Reisen entstanden, quer durch Chicago, Hongkong, New York, Marokko, Tokyo und Kyoto. Kein geplantes Projekt, eher ein Reflex: Kamera hoch, wenn das Licht stimmt und jemand für eine Sekunde die Bühne betritt, ohne es zu wissen. Straßenfotografie lebt von diesen gestohlenen Momenten, und je länger ich das mache, desto weniger interessieren mich die Postkartenmotive. Mich interessiert der Hirte, der allein auf einem Steinhaufen sitzt und die Berge im Rücken hat. Der alte Teppichhändler in Youssoufia, der aussieht, als würde er das Gewicht seiner Ware seit vierzig Jahren tragen. Die Mutter in Kyoto, die ihr Kind so hält, dass die ganze Straße drumherum verschwimmt.


Schwarzweiß: bärtiger Mann im Profil; links große Aufschrift BEHIND THE PHOTO in Weiß und Gelb, nachdenkliche Stimmung.

Inhaltsverzeichnis


Downtown Glow - West Adams Street, Chicago

Schwarzweiß: Mann läuft durch Chicagos West Adams Street im Dampf, mit „Downtown Glow“ und „The Berghoff“-Schildern im Sonnenlicht.

Es ist kurz nach Sonnenaufgang, die Stunde, in der Chicago noch nicht ganz wach ist. Die Straße liegt fast leer da, nur eine Handvoll Menschen an der Bushaltestelle weiter hinten, ein einsamer Hydrant am Straßenrand, der aussieht, als wäre er direkt aus einem alten Gangsterfilm der Dreißiger in dieses Bild gefallen. Die Sonne steht noch tief und schießt flach zwischen den Hochhäusern hindurch, genau in dem schmalen Korridor, den die Straße freigibt. Für ein paar Minuten verwandelt sich die ganze Häuserschlucht in reines Gegenlicht, jede Person darin wird zur Silhouette, zum Scherenschnitt vor einer Wand aus Weiß.


Dann kommt er. Kopfhörer drin, Blick nach unten aufs Handy, ein Typ auf dem Weg zur Arbeit, der vermutlich mehr an seinen Kaffee denkt als an irgendetwas anderes. Neben ihm steigt eine Dampfwolke auf, wahrscheinlich von einer E-Zigarette, aber im Licht sieht es aus, als würde der Mann selbst rauchen, verglühen, sich langsam auflösen. Ich hatte vielleicht zwei, drei Sekunden Zeit. Kamera hoch, fokussieren, warten, bis er genau in diesen einen Lichtstreifen tritt, der zwischen zwei Gebäuden durchbricht, dann abdrücken, bevor er wieder im Schatten der nächsten Fassade verschwindet. Straßenfotografie ist zu neunzig Prozent Warten und zu zehn Prozent dieser eine Moment, in dem alles zusammenpasst: Licht, Bewegung, ein Mensch, der keine Ahnung hat, dass er gerade zur Hauptfigur wird.


Was das Bild für mich besonders macht, ist das Berghoff-Schild links im Rahmen. Keine zufällige Kulisse, das Restaurant gibt es seit über hundert Jahren an genau dieser Ecke der West Adams Street, eine der ältesten und bekanntesten Adressen im Loop, Chicagos historischem Zentrum. Während ringsherum Wolkenkratzer gebaut, abgerissen und wieder neu hochgezogen wurden, steht dieses Schild einfach weiter da und schaut zu. Davor läuft nun ein Mann, komplett im Hier und Jetzt, komplett ahnungslos, dass er gerade Teil eines Bildes wird, das hundert Jahre Stadtgeschichte und einen einzigen flüchtigen Augenblick in derselben Aufnahme zusammenbringt.


Genau das mag ich an dieser Art von Fotografie. Niemand stellt sich für mich hin, niemand posiert, niemand schaut in die Kamera. Die Stadt schreibt die Szene von ganz allein, mit ihrem Licht, ihren alten Fassaden und den Menschen, die einfach nur versuchen, pünktlich ins Büro zu kommen. Ich stehe nur am Straßenrand und warte auf den Moment, in dem sich das alles für den Bruchteil einer Sekunde zu einem Bild zusammenfügt, bevor die Straße sich wieder füllt und der Zauber vorbei ist.


Everywhere But Here - Tsim Sha Tsui, Hongkong

Von hier aus hat man einen der teuersten Ausblicke der Welt, im wahrsten Sinne des Wortes. Auf der anderen Seite des Victoria Harbour stapelt sich die Skyline von Hong Kong Island, mittendrin der IFC-Tower, daneben das Riesenrad am Ufer, alles leicht verwaschen im Dunst, der über dem Wasser hängt. Genau diese Aussicht ist der Grund, warum sich am Tsim Sha Tsui Promenade jeden Abend Touristen und Einheimische gleichermaßen an die Reling stellen. Nur macht das hier gerade niemand.


Silhouetten am Hafen von Hongkong; Mann schaut aufs Smartphone, Skyline im Hintergrund, Text: 02 Everywhere but here, Tsim Sha Tsui

Der Mann direkt vor mir steht am Geländer, die Sonne spiegelt sich im Wasser hinter ihm, die Fähren ziehen ihre Streifen über den Hafen, und er schaut auf sein Handy. Nicht kurz, nicht mal eben eine Nachricht checken, sondern mit der Konzentration von jemandem, der gerade eine wichtige Entscheidung trifft. Neben ihm reihen sich weitere Silhouetten an der Reling auf, eine Frau mit Einkaufstüten, ein Pärchen, das sich unterhält, aber auch sie schauen größtenteils nach unten oder aneinander vorbei. Die überdachte Uferpromenade wirkt fast wie eine Bühne, gebaut für genau diesen Blick auf eine der bekanntesten Skylines der Welt, und trotzdem sind fast alle irgendwo anders, im Kopf, im Display, überall, nur nicht hier.


Ich habe lange überlegt, wie ich das Bild nennen soll, und "Everywhere But Here" war eigentlich die einzige ehrliche Option. Es ist keine Kritik an dem Mann, ich schaue selbst öfter aufs Handy, als mir lieb ist, gerade im Urlaub, wo man eigentlich präsent sein will. Aber es sagt etwas über diese Zeit, in der wir leben. Man reist um die halbe Welt, steht vor einem Panorama, für das andere Leute extra hinfliegen, und ist trotzdem nicht wirklich da. Der Kopf ist in einer Chatgruppe, bei einer Mail, bei irgendeiner Nachricht, die wahrscheinlich noch eine Stunde warten könnte.


Fotografisch war der Moment ein Geschenk. Das Gegenlicht vom Wasser her hat jeden an der Reling in eine reine schwarze Silhouette verwandelt, die geschwungene Decke der Promenade oben im Bild schneidet die Szene fast wie ein Rahmen im Rahmen. Ich musste nur warten, bis die Anordnung der Leute stimmte und das Licht auf dem Wasser richtig funkelte, dann war der Rest reine Geometrie. Aber die eigentliche Geschichte steckt für mich nicht im Licht, sondern in der Körperhaltung des Mannes. Jeder, der das Bild sieht, erkennt sofort, was da los ist, weil wir es alle kennen. Die schönste Aussicht der Welt und der Kopf ist woanders. Ich wollte das festhalten, bevor er aufschaut, die Skyline sieht und sein Handy wieder einsteckt, was er zum Glück nicht tat, bevor ich abgedrückt hatte.


Thin Blue Line - Broadway, New York City

Manchmal muss man ein Foto nicht komponieren, es komponiert sich selbst. Ich bin die Straße runtergelaufen, Kamera locker in der Hand, und dann standen sie da, direkt vor ihrem Streifenwagen, als hätte jemand extra für mich Regie geführt. Drei Officer, symmetrisch aufgereiht wie ein Filmplakat, der eine mit der Hand in der Hüfte, der mittlere mit verschränkten Armen und einem Blick, der einem das Gefühl gibt, gerade bei irgendwas erwischt worden zu sein, der dritte etwas zurückgesetzt, fast wachsam. Zwei tragen diese schwarzen NYPD-Mützen, der dritte die klassische Uniformmütze, dazu Funkgeräte, Bodycams, das komplette Arsenal, das zum Alltag eines New Yorker Polizisten gehört.


Drei NYPD-Polizisten stehen in Schwarzweiß vor einem Einsatzwagen am Broadway; Text: 03 Thin Blue Line, Broadway - New York City

Ich habe das Bild aus einigem Abstand mit langer Brennweite gemacht, bewusst unscharf im Hintergrund, damit die Straße hinter ihnen zu einem verschwommenen Nebel aus Autos und Häuserfassaden wird und nur die drei scharf bleiben. Der Effekt war stärker, als ich erwartet hatte. Auf einmal wirken sie nicht wie drei Menschen, die zufällig nebeneinander stehen und auf ihren nächsten Einsatz warten, sondern wie eine Wand. Genau daher kommt auch der Titel. "Thin Blue Line" ist ein Begriff, den es in den USA schon lange gibt, gemeint ist damit die Polizei als schmale Linie zwischen einer Stadt und dem Chaos, das manche in ihr sehen. Ob man dieses Bild von der Polizei teilt oder nicht, an diesem Nachmittag auf dem Broadway hat sich die Idee jedenfalls fotografisch ziemlich genau selbst inszeniert.


Was mich an dem Moment eigentlich am meisten interessiert hat, war nicht die große Symbolik, sondern die Körpersprache. Keiner der drei posiert offensichtlich, niemand schaut in die Kamera, und trotzdem hat jeder eine komplett andere Haltung. Der eine wirkt entspannt, fast gelangweilt, der mittlere direkt und ein bisschen misstrauisch, der dritte in sich gekehrt. Drei Menschen im selben Job, in derselben Uniform, am selben Ort, und trotzdem liest man aus jedem von ihnen etwas anderes heraus. Das ist für mich der eigentliche Reiz an Streetfotografie mit Menschen in Uniform. Von außen sieht man erst mal nur die Rolle, das Abzeichen, den Job. Aber sobald man genau hinschaut, bleiben es einzelne Menschen mit einem einzelnen Gesichtsausdruck an einem einzelnen Nachmittag, der für sie vermutlich einer von tausend gewöhnlichen Arbeitstagen war und für mich zu einem der stärksten Bilder der ganzen Serie wurde.


Lonely Shepherd – Atlas-Gebirge, Marokko

Dieses Bild ist das ruhigste der ganzen Serie, und genau deshalb mag ich es so sehr. Kein Verkehr, keine Menschenmenge, kein Neonlicht, nur eine einzige Gestalt auf einem Steinhaufen, die Silhouette der Atlasberge weit dahinter im Dunst, darüber ein paar Vögel, die zufällig genau in dem Moment durchs Bild flogen, in dem ich ausgelöst habe. Der komplette Vordergrund ist reines Schwarz, fast wie ein Loch im Bild, und genau dieser Kontrast zwischen der hellen, fast überbelichteten Weite oben und der Dunkelheit unten gibt der Szene diese Endgültigkeit, die ich beim Fotografieren selbst noch gar nicht so bewusst gesehen habe, erst am Bildschirm später.



Schwarzweiß: einsamer Hirte auf Felsen in den Atlasbergen Marokkos, darüber fliegende Vögel; Text: 04 LONELY SHEPPHERD

Ich bin damals mit dem Auto durch eine Gegend gefahren, in der man Stunden unterwegs sein kann, ohne einer Menschenseele zu begegnen, nur Weite, ein paar verstreute Dörfer am Horizont und diese charakteristischen Steinhaufen, die man in Marokko öfter am Straßenrand oder auf kleinen Hügeln findet. Mal markieren sie eine Grenze, mal einen guten Aussichtspunkt, manchmal haben sie auch einfach keinen anderen Grund, als dass sich über Generationen Steine dort angesammelt haben. Auf diesem hier saß, ziemlich unbeweglich, eine Gestalt mit Hut, vermutlich ein Hirte, der von dort oben aus seine Tiere im Blick behielt, auch wenn ich sie im Bild selbst nicht sehen konnte. Die Landschaft dort lebt zu großen Teilen noch von genau dieser Art Arbeit, Menschen, die tagelang mit ihren Herden durch die Hänge ziehen und sich einen erhöhten Punkt suchen, von dem aus sie alles überblicken können.


Was mich an dem Moment am meisten beeindruckt hat, war die schiere Stille der Szene. Ich habe den Wagen angehalten, bin ausgestiegen, und man hörte buchstäblich nichts außer Wind. Kein Motor, keine Stimme, kein Vogelzwitschern aus der Nähe, nur diese Figur, allein auf ihrem Stein, komplett in sich gekehrt, ohne jede Eile. In einer Fotostrecke, die sonst voller Grossstädte, Uniformen und Menschenmengen ist, wirkt dieses Bild fast wie eine Verschnaufpause, für die Leser genauso wie für mich beim Zusammenstellen der Serie.


Ich habe lange überlegt, ob "Lonely Shepherd" der richtige Titel ist, weil ich aus der Distanz gar nicht hundertprozentig sagen kann, ob die Person tatsächlich ein Hirte war oder einfach jemand, der eine Pause an diesem besonderen Ort gemacht hat. Aber genau diese Unsicherheit gefällt mir an dem Bild. Man projiziert automatisch eine Geschichte hinein, weil die Szene so archetypisch ist, ein Mensch, allein, erhöht, den Blick über eine endlose Landschaft gerichtet. Manchmal muss man gar nicht genau wissen, was passiert, um trotzdem zu spüren, worum es geht.


Above the Noise - West Adams Street, Chicago

Die Szene liegt nur wenige Straßenblocks von Bild eins entfernt, ungefähr zur gleichen Tageszeit, mit demselben harten Licht, das durch die Häuserschluchten fällt. Aber die Stimmung könnte kaum unterschiedlicher sein. Statt eines Mannes in Eile auf dem Weg zur Arbeit sitzt hier jemand vollkommen bewegungslos auf einer steinernen Mauer am Straßenrand, im Schneidersitz, die Hände ineinander verschränkt, sein Gepäck neben sich zusammengefaltet wie ein zweites Nest. Hinter ihm verschwimmt die Straße zu einer unscharfen Kulisse aus Autos und Fassaden, er dagegen bleibt völlig scharf, völlig ruhig, ein fester Punkt in einer Stadt, die um ihn herum weiterrast.

Schwarzweiß: Mann sitzt auf Steinblock an West Adams Street in Chicago; oben Text 05 Above the Noise.

Ich bin an ihm vorbeigelaufen und erst nach ein paar Schritten stehen geblieben, weil mich seine Haltung sofort gepackt hat. Kein Betteln, kein Blickkontakt zu Passanten, kein sichtbares Warten auf irgendetwas. Er saß einfach nur da, erhöht auf dieser Mauer, den Blick geradeaus in Richtung Straße gerichtet, als würde er etwas beobachten, das nur er sehen konnte. Genau daher kommt auch der Titel. "Above the Noise" ist wörtlich gemeint, er sitzt buchstäblich über dem Straßenniveau, aber es steckt für mich noch eine zweite Bedeutung darin. Es gibt diese Art von Ruhe, die manche Menschen mitten im größten Trubel ausstrahlen, fast so, als hätten sie beschlossen, den Lärm der Stadt einfach nicht mehr an sich heranzulassen.

Ich will ehrlich sein, Bilder von obdachlosen Menschen sind ein heikles Thema in der Streetfotografie, und ich habe selbst lange überlegt, ob ich dieses Bild überhaupt in die Strecke aufnehme. Es geht mir nicht darum, Armut als ästhetisches Motiv zu verwerten oder aus der Ferne ein Urteil über sein Leben zu fällen, von dem ich nichts weiß. Ich kenne seine Geschichte nicht, weiß nicht, wie er an diesen Ort gekommen ist oder wo er am Abend schläft. Was ich sehe, ist ein Mensch mit einer bemerkenswerten Präsenz, der in diesem Moment mehr Würde und Ruhe ausstrahlte als die meisten gehetzten Passanten um ihn herum, mich eingeschlossen.


Fotografisch habe ich bewusst mit offener Blende gearbeitet, damit der Hintergrund komplett in Bewegungsunschärfe verschwimmt und nur er als ruhender Punkt übrig bleibt. Dieser Kontrast zwischen scharf und unscharf, zwischen Stillstand und Tempo, ist für mich der eigentliche Kern des Bildes. Eine Stadt wie Chicago lebt von ihrer Geschwindigkeit, ihrem ständigen Weiterziehen, und mittendrin sitzt jemand, der sich davon einfach nicht mehr anstecken lässt, aus welchen Gründen auch immer. Das ist kein bequemes Bild, aber genau deshalb gehört es für mich in diese Serie.


Belongings - West 18th Street, New York City

Manche Bilder erzählen ihre Geschichte allein über das, was jemand mit sich trägt. Hier sieht man keine Person von vorne, kein Gesicht, keinen Blick, nur einen Rücken, eine Kapuze, und dahinter zwei prall gefüllte Taschen, die eine bunt gemustert und mit Kordeln verschnürt, die andere auf einen kleinen Rollwagen gebunden, wie man ihn sonst für Pakete oder Wäsche benutzt. Die Person zieht ihre gesamte Habe durch die Straße, an geparkten Autos und orangen Verkehrshütchen vorbei, während im Hintergrund die typische New Yorker Unschärfe aus Ampeln, Wagen und aufsteigendem Dampf verschwimmt.


Person schiebt auf der West 18th Street in New York beladenen Wagen; darüber steht 06 BELONGINGS WEST 18TH STREET - NEW YORK CITY.

Die Person lief eine Weile vor mir her, bevor ich überhaupt die Kamera gehoben habe, weil mir die Szene zu wichtig war, um sie hastig und respektlos einzufangen. Am Ende habe ich mich für die Aufnahme von hinten entschieden, bewusst ohne Gesicht, nicht aus fotografischer Bequemlichkeit, sondern weil es mir richtiger vorkam. Es geht in diesem Bild nicht um eine bestimmte Person, die ich vorführen will, sondern um das, was sie mit sich schleppt, und was das über ein Leben aussagt, das komplett mobil sein muss. Alles, was diese Person besitzt, passt auf einen kleinen Handwagen, verschnürt mit Seilen, die vermutlich schon mehrfach gerissen und wieder geknotet wurden.


Der Titel "Belongings" ist bewusst doppeldeutig gewählt. Auf Englisch bedeutet das Wort sowohl "Besitztümer" als auch, vom Verb "belong" her gedacht, irgendwo dazugehören. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich für mich das ganze Bild. Da ist jemand, der alles bei sich trägt, was ihm gehört, mitten in einer Stadt, die mit apartments für zehntausend Dollar im Monat wirbt und gleichzeitig Menschen beherbergt, die ihr gesamtes Leben auf einem Wagen durch die Straßen ziehen. New York ist voll von diesen Widersprüchen, man muss nur mit offenen Augen durch die Viertel laufen, um sie zu sehen, oft nur wenige Meter von den glänzenden Fassaden entfernt, die man aus Filmen kennt.


Fotografisch war das Bild eine Übung in Geduld und Respekt zugleich. Ich wollte die Bewegung einfangen, das Ziehen, das leichte Vornüberlehnen des Körpers unter dem Gewicht der Taschen, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Deshalb der Abstand, deshalb die Rückenansicht, deshalb kein Foto direkt von der Seite oder vorne. Es ist eines der Bilder in dieser Serie, bei denen ich am längsten überlegt habe, ob ich es überhaupt zeigen sollte. Am Ende habe ich mich dafür entschieden, weil ich glaube, dass genau solche Momente Teil des echten Straßenbilds einer Stadt sind, nicht nur die glänzenden Postkartenansichten, die man sonst von New York zu sehen bekommt.


The Weight of Craft - Youssoufia, Marokko

Manche Gesichter erzählen ihre Geschichte, bevor man ein Wort mit der Person gewechselt hat. Der Mann auf diesem Bild trägt einen dunklen Turban, sein Gesicht ist von tiefen Falten durchzogen, jede einzelne wirkt wie eine eigene kleine Landkarte aus Jahrzehnten Arbeit unter marokkanischer Sonne. Über der Schulter trägt er einen schweren, handgewebten Teppich, die Arme fest darum geschlungen, fast so, als würde er ihn eher umarmen als nur tragen. Im Hintergrund verschwimmt die Straße von Youssoufia, ein paar Laternenmasten, Stromleitungen, ein geparktes Auto, alles unscharf, damit die ganze Aufmerksamkeit bei ihm und seiner Last bleibt.


Älterer Mann in Youssoufia, Marokko, hält eine gewebte Matte; oben steht 07 THE WEIGHT OF CRAFT.

Youssoufia liegt im Landesinneren Marokkos, bekannt vor allem für Phosphatabbau, aber wie in vielen Orten dort gibt es auch eine lange Tradition des Teppichwebens und -handels, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Ich bin ihm auf einer kleinen Marktstraße begegnet, wo Händler ihre Ware entweder auslegen oder, wie er, einfach über der Schulter mit sich herumtragen, auf der Suche nach dem nächsten Käufer oder dem nächsten guten Fleck zum Verkaufen. Das Muster des Teppichs war wunderschön, dicht gewebt, mit traditionellen geometrischen Motiven, aber ehrlich gesagt hat mich weniger der Teppich selbst interessiert als das, was sein Träger dabei ausstrahlte.


Der Titel "The Weight of Craft" kam mir fast sofort, als ich das Bild am Abend durchgesehen habe. Es geht dabei nicht nur um das offensichtliche Gewicht des Teppichs auf seiner Schulter, sondern um etwas, das sich schwerer fassen lässt. Handwerk wie das Teppichweben braucht Jahre, um es wirklich zu beherrschen, und noch mehr Jahre, um davon leben zu können, während gleichzeitig maschinell gefertigte Massenware den Markt überschwemmt und viele traditionelle Händler unter Druck setzt. In seinem Gesicht meinte ich beides zu lesen, den Stolz auf das eigene Handwerk und gleichzeitig eine gewisse Müdigkeit, die man sich über ein ganzes Arbeitsleben ansammelt.


Ich habe ihn kurz angesprochen, bevor ich das Foto gemacht habe, mit Händen und Füßen mehr als mit Worten, da mein Arabisch bei null anfängt. Er hat kurz genickt, weitergemacht, was er ohnehin vorhatte, und mich einfach mitfotografieren lassen, ohne großes Aufheben. Diese Gelassenheit, mit der viele Menschen in Marokko einem Fremden mit Kamera begegnen, hat mich während der ganzen Reise immer wieder überrascht. Kein Misstrauen, keine gestellte Pose, einfach nur ein kurzer Moment geteilter Aufmerksamkeit, bevor jeder seinen Weg weitergeht, er mit seinem Teppich über der Schulter, ich mit einem Bild, das mich seitdem nicht mehr losgelassen hat.


Lantern and Neon Lights - Kabukichō, Tokyo

Draußen ist Kabukichō ein einziges Blinken. Leuchtreklamen in jeder erdenklichen Farbe, Werbetafeln für Karaoke-Bars, Hostessenclubs und Ramen-Läden übereinander gestapelt, dazu der Sound aus zig verschiedenen Lautsprechern gleichzeitig. Direkt daneben, hinter einem einfachen Stoffvorhang mit einem einzelnen großen Schriftzeichen darauf, liegt dann so ein winziger Laden wie dieser hier, kaum breiter als ein Flur, mit vielleicht sechs oder acht Plätzen an einer Theke. Über der Theke hängen handgeschriebene Speisekarten, Udon, Soba, ein paar Sake-Sorten, die Preise in Schönschrift daneben, und zwei runde Papierlampen, die den ganzen Raum in dieses warme, fast bernsteinfarbene Licht tauchen.


Männer an Bar im Schwarzweißfoto, unter Lampen; japanische Speisekarten, unten Text: 08 LANTERN AND NEON LIGHTS KABUKICHŌ - TOKYO

Zwei Männer sitzen mit dem Rücken zu mir an der Theke. Der eine trägt eine dunkle Jacke, die wilden Haare fast wie eine Krone im Gegenlicht der Lampe über ihm, den Blick seitlich gerichtet, als würde er auf etwas außerhalb des Bildes reagieren. Der andere im hellen Anzug beugt sich tief über seine Schale, isst oder trinkt, komplett in sich versunken, mit der typischen Erschöpfung eines langen Arbeitstages in den Schultern. Genau diese Art von Lokal nennt man in Japan Yatai oder kleine Izakaya, winzige Essensstände, oft nur für eine Handvoll Gäste, in denen sich nach Feierabend Salarymen zum Essen und Trinken treffen, manchmal allein, manchmal mit Kollegen, um den Tag hinter sich zu lassen, bevor sie den langen Heimweg mit der Bahn antreten.


Ich habe das Bild fast im Vorbeigehen gemacht, weil mich der Kontrast zwischen dem grellen Neonlicht der Straße und diesem warmen, fast heimeligen Innenraum sofort gepackt hat. Daher auch der Titel. Draußen dominiert das kalte, aggressive Licht der Reklametafeln, drinnen ein einzelner Lampenschirm, der den ganzen Raum in etwas Ruhigeres verwandelt. Kabukichō hat diesen Ruf als lautes, schrilles Vergnügungsviertel, und der ist auch völlig berechtigt, aber direkt daneben findet man immer wieder diese kleinen, fast intimen Rückzugsorte, in denen Menschen einfach nur in Ruhe eine Schüssel Nudeln essen wollen.

Was mich am meisten fasziniert hat, war die Stille der Szene trotz des Trubels ringsherum. Niemand hat laut gesprochen, keiner hat sich zu mir umgedreht, als ich mit der Kamera in der Tür stand. Beide Männer waren komplett in ihrer eigenen kleinen Welt, während draußen Tokio in vollem Neonlicht weiterlief. Für mich ist das eines der Bilder, die am besten zeigen, wie viele verschiedene Schichten eine Stadt wie Tokio gleichzeitig haben kann, laut und leise, grell und warm, oft nur einen einzigen Vorhang voneinander getrennt.


Held Close - Shimogyō-ku, Kyoto

Von allen zehn Bildern ist das hier vermutlich das das persönlichste. Kein Trubel, keine Stadtkulisse im Hintergrund, nur eine Mutter im Kimono, die ihr Kind auf dem Arm trägt, beide im Profil, der Blick des Kindes nach vorne gerichtet, neugierig, wach, während die Mutter leicht nach oben schaut, vielleicht zu einem Baum, vielleicht zu irgendetwas, das gerade ihre Aufmerksamkeit gefangen hat. Im Vorder- und Hintergrund verschwimmen Blätter und Lichtflecken zu weichen Bokeh-Kreisen, dazwischen zwei hölzerne Balken, die das Bild fast wie durch einen Türrahmen einrahmen, als hätte ich die beiden zufällig beim Vorbeigehen durch einen Spalt erhascht.

Schwarzweiß: Frau hält Kind im Kimono eng im Arm; unten Text: 09 HELD CLOSE SHIMOGYO-KU - KYOTO.

Aufgenommen habe ich das Bild in Shimogyō-ku, einem der zentralen Stadtbezirke Kyotos, in der Nähe eines Tempelgeländes, wo an diesem Tag auffällig viele Familien in traditioneller Kleidung unterwegs waren. Der aufwendig gemusterte Kimono des Kindes und der ebenso festliche der Mutter deuten stark auf einen besonderen Anlass hin, in Japan feiert man mit Kindern in diesem Alter oft das sogenannte Shichi-Go-San-Fest, bei dem Fünf- und Siebenjährige, teils auch Dreijährige, in traditioneller Kleidung einen Schrein besuchen, um für ihre gesunde Entwicklung zu danken. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob es an diesem Tag genau darum ging, aber die festliche Stimmung, die vielen ähnlich gekleideten Familien ringsherum und die besondere Sorgfalt, mit der beide gekleidet waren, sprechen ziemlich klar dafür.


Was das Bild für mich trägt, ist aber gar nicht der mögliche kulturelle Hintergrund, sondern die reine Körperlichkeit der Geste. Wie das Kind sich an den Stoff der Mutter klammert, wie ihr Arm es ganz selbstverständlich hält, ohne dass man auch nur eine Spur von Anstrengung sieht, wie beide Gesichter in dieselbe Richtung schauen und doch jedes für sich in einem eigenen Moment versunken wirkt. Das ist eine Geste, die man auf jedem Kontinent sofort erkennt, ganz unabhängig von Kimono, Tempel oder Sprache. Ein Kind, das gehalten wird, eine Mutter, die trägt. Genau deshalb heißt das Bild "Held Close", ein Zustand, den jeder kennt, der selbst schon mal ein Kind im Arm gehalten hat, dieses spezielle Gefühl von Nähe, das keine Übersetzung braucht.


Fotografisch war der Moment ein Glücksfall aus weichem Licht, das durch die Blätter über ihnen gefiltert wurde, und der zufälligen Rahmung durch die Holzbalken im Vordergrund. Ich habe nur ein einziges Bild geschossen, bevor die beiden weitergingen, ohne überhaupt zu bemerken, dass ich sie fotografiert hatte. Manchmal braucht es nicht mehr als das, ein kurzer Blick zur richtigen Zeit, um etwas festzuhalten, das eigentlich viel zu flüchtig ist, um es zu fassen.


Duty on Times Square - Manhattan, New York City

Zum Abschluss noch einmal ein Officer, diesmal aber ganz anders inszeniert als das Trio vom Broadway. Kein symmetrisches Gruppenbild, keine posierte Wand aus Uniformen, sondern eine einzelne Momentaufnahme mitten in der Bewegung. Der junge Beamte mit den kunstvoll geflochtenen Locken dreht den Kopf über die Schulter, sein Blick wandert seitlich aus dem Bild, während sein Kollege rechts nur noch als Schulter und Rücken zu erkennen ist, bereits halb aus dem Rahmen gelaufen. Aus seiner Uniformjacke schaut ein kleines Notizbuch heraus, vermutlich für Strafzettel oder Meldungen, ein kleines Detail, das die Szene sofort erdet und aus der reinen Bildkomposition eine echte Alltagssituation macht.


Schwarzweiß: NYPD-Polizist auf dem Times Square vor einem Wagen; oben Text: 10 Duty on Times Square Manhattan - New York City.

Times Square gehört zu den am dichtesten bewachten Plätzen der Welt, ständig patrouillieren dort Beamte zwischen Touristenmassen, Kostümfiguren und Werbetafeln, die niemals ausgehen. Für die meisten Besucher sind diese Officer einfach Teil der Kulisse, genauso selbstverständlich wie die riesigen Leuchtreklamen über ihnen. Ich wollte mit diesem Bild genau diesen Moment einfangen, in dem so ein Beamter für eine halbe Sekunde aus seiner professionellen Routine heraustritt, sich umdreht, irgendetwas registriert, das meine Aufmerksamkeit nicht erreicht hat, und dabei ganz kurz nicht mehr wie eine Funktion, sondern wie ein einzelner, sehr junger Mensch mit einem sehr anstrengenden Job wirkt.


Der Titel "Duty on Times Square" ist bewusst nüchtern gehalten, fast wie eine Bildunterschrift aus einer Zeitung. Kein großes Pathos, einfach die Feststellung, dass hier jemand Dienst tut, an einem der meistfotografierten Orte der Welt, wo täglich hunderttausende Menschen durchziehen, ohne die Person unter der Uniform überhaupt wahrzunehmen. Genau das war mir wichtig, als ich die Serie zusammengestellt habe. Nach dem Trio auf dem Broadway wollte ich noch einmal zeigen, dass hinter jeder Uniform ein einzelner Mensch mit einem einzelnen Gesichtsausdruck steckt, kein anonymes Symbol.


Damit schließt sich für mich der Kreis dieser Fotostrecke. Zehn Bilder, sechs Städte, und doch immer wieder dieselbe Beobachtung. Ob Cop, Hirte, Teppichhändler oder Mutter mit Kind, sobald man genau genug hinschaut, verschwindet die Rolle und übrig bleibt ein Mensch in einem einzelnen, unwiederholbaren Moment. Genau danach suche ich, wenn ich mit der Kamera durch fremde Straßen laufe, nicht nach der perfekten Skyline, sondern nach diesen kleinen, meist übersehenen Augenblicken, in denen sich für den Bruchteil einer Sekunde etwas sehr Echtes zeigt.



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DER MENSCH HINTER FOKUS FERNWEH

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"Reisen zeigt Dir die Welt.

Fotografieren lehrt Dich, sie zu sehen."

Ingenieur aus Überzeugung, Fotograf aus Leidenschaft und Reiseblogger aus purem Fernweh. An einem Ort bleibe ich selten lange - dafür gibt es einfach zu viele spannende Geschichten auf dieser Welt. 

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