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Hey, ich bin Endre - der Inhaber von fokus fernweh. Ich hoffe, dass ich Euch inspirieren kann, neue Orte zu entdecken und die Welt zu bereisen! Ob Ihr erfahrene Globetrotter seid oder gerade erst mit dem Reisen begonnen habt - ich hoffe, Ihr findet hier die Motivation und die Informationen, die Ihr für Eure Unternehmungen braucht!

Vom Fotografieren zum Beobachten: 5 Jahre Streetphotography um die Welt und was es mit mir gemacht hat

  • Autorenbild: Endre Lommatzsch
    Endre Lommatzsch
  • vor 17 Stunden
  • 16 Min. Lesezeit

Als ich vor fünf Jahren mit Streetphotography angefangen habe, war ich eigentlich nur auf der Jagd nach Motiven. Ich bin durch Städte gelaufen, habe überall etwas gesehen und im Zweifel einfach ausgelöst. Hauptsache irgendwas passiert im Bild. Heute laufe ich oft durch dieselben Straßen und drücke deutlich seltener auf den Auslöser. Nicht, weil weniger passiert. Sondern weil ich anders hinschaue.


In diesen fünf Jahren hat sich nicht nur mein Stil verändert. Mein kompletter Blick auf Situationen, auf Menschen und auf das, was ein gutes Bild überhaupt ausmacht, hat sich verschoben. Viele Dinge, die ich früher spannend fand, lasse ich heute bewusst liegen. Andere Momente hätte ich damals wahrscheinlich gar nicht erkannt.



Inhaltsverzeichnis


Wie alles angefangen hat

Wenn ich auf meine ersten Jahre in der Streetphotography schaue, dann war mein Ansatz ziemlich klar und gleichzeitig ziemlich planlos. Ich wollte Bilder, die sofort wirken. Viel Bewegung, viele Menschen, starke Kontraste. Hauptsache, das Foto zieht beim ersten Hinsehen. Ich bin durch die Straßen gelaufen und habe genau das fotografiert, was mir direkt ins Auge gesprungen ist, ohne groß darüber nachzudenken, warum es funktioniert oder eben nicht.


Ich habe Motive gesammelt, keine Bilder gestaltet. Mein Blick war darauf trainiert, alles einzufangen, was auffällig ist. Wenn sich mehrere Personen im Bild bewegt haben, war das für mich automatisch gut. Wenn noch Lichtreflexe, Schatten oder starke Helligkeitsunterschiede dazukamen, umso besser. Ich dachte damals wirklich, dass ein Bild stärker wird, je mehr gleichzeitig passiert. Dass ich mir damit oft selbst die Klarheit im Bild nehme, war mir nicht bewusst.



Ich habe kaum darauf geachtet, wie sich ein Bild eigentlich aufbaut. Wo beginnt der Blick, wo bleibt er hängen und wie wird er durchs Bild geführt. Linien, Flächen und Licht waren zwar da, aber ich habe sie eher zufällig genutzt, statt sie bewusst einzusetzen. Ich habe nicht aktiv darauf geachtet, ob sich Formen sauber trennen oder ob sich Elemente im Bild gegenseitig stören. Hauptsache, ich habe den Moment irgendwie erwischt.


Mein Timing war dabei eher Reaktion als Entscheidung. Sobald sich etwas bewegt hat, habe ich ausgelöst. Wenn zwei Menschen sich gekreuzt haben, habe ich fotografiert. Wenn jemand durchs Licht gelaufen ist, habe ich fotografiert. Aber ich habe selten darauf gewartet, dass sich diese Dinge wirklich zu einem klaren Bild verbinden. Oft war ich einen Tick zu früh oder zu spät, ohne es in dem Moment zu merken.


Auch meine Perspektive war selten bewusst gewählt. Ich habe fotografiert, von dort aus, wo ich gerade stand. Ich bin kaum einen Schritt zur Seite gegangen, um Hintergründe zu bereinigen oder Linien sauber auszurichten. Dinge haben sich im Bild überlagert, im Hintergrund ist irgendetwas reingerutscht, das eigentlich stört, und trotzdem habe ich ausgelöst. Damals fand ich genau das sogar gut, weil es für mich nach echter Straße aussah. Roh, unkontrolliert, voller Leben.


Ich hatte keinen wirklichen Ablauf beim Fotografieren. Ich bin durch die Stadt gelaufen, habe reagiert, ausgelöst und bin weitergegangen. Kein bewusstes Warten, kein gezielter Bildaufbau, kein klarer Gedanke daran, wie sich eine Szene entwickeln könnte. Ich habe das Bild nicht gestaltet, ich habe es genommen, wenn es sich angeboten hat. Und trotzdem war ich überzeugt, dass ich genau weiß, was ich tue, weil die Bilder auf den ersten Blick funktioniert haben.


Was mir komplett gefehlt hat, war Kontrolle. Kontrolle darüber, was ich im Bild zeige und was nicht. Kontrolle über den Moment, den ich auswähle. Kontrolle über den Aufbau. Ich habe nicht entschieden, ich habe reagiert. Und genau da lag der Unterschied. Ich habe fotografiert, weil etwas passiert ist, nicht weil sich daraus ein klares Bild ergeben hat.


Trotzdem war genau diese Phase wichtig. Ich habe gelernt, schnell zu sehen, wenn sich etwas anbahnt. Ich habe mich daran gewöhnt, die Kamera ohne zu zögern zu heben, und ich habe ein erstes Gefühl für Situationen entwickelt, auch wenn ich sie noch nicht sauber umgesetzt habe. Ich musste erst dieses Chaos fotografieren, um später zu verstehen, wie wichtig Struktur ist.


Der Moment, in dem ich langsamer wurde

Ich erinnere mich ziemlich genau an die Szene. Tokyo, später Nachmittag, irgendwo zwischen zwei unscheinbaren Häuserreihen. Kein ikonischer Spot, kein Neon, kein Chaos. Einfach eine Straße, die man normalerweise überläuft. Aber da war dieses Licht. Die Sonne stand tief genug, um eine harte Schattenkante auf den Boden zu legen. Eine saubere Trennung zwischen hell und dunkel, fast wie gezogen. Genau so etwas, das ich früher nicht mal wahrgenommen hätte, weil „zu wenig los“.


Ich hatte eine 35mm drauf, Blende bei f/8, genug Schärfentiefe, um die Szene sauber abzubilden. Die Verschlusszeit hoch genug, damit alles knackig bleibt. Technisch war alles vorbereitet. Der Unterschied war nur, dass ich zum ersten Mal nicht direkt ausgelöst habe. Ich habe mir den Bildausschnitt gebaut, bevor überhaupt jemand im Frame war. Die Lichtkante bewusst ins Bild gelegt, den Hintergrund geprüft, störende Elemente ausgeschlossen und mich so positioniert, dass sich nichts überlagert.


Früher hätte ich in genau dieser Situation längst mehrere Bilder gemacht. Irgendwer läuft immer durchs Bild, irgendwas passiert immer. Aber genau das habe ich diesmal nicht gemacht. Ich habe Menschen durchlaufen lassen, weil sie nicht gepasst haben. Falscher Abstand zur Lichtkante, zu nah am Hintergrund, zu viel Bewegung im Bild. Dinge, die ich vorher ignoriert hätte, sind plötzlich entscheidend geworden. Das war neu für mich, weil ich zum ersten Mal nicht mehr auf Bewegung reagiert habe, sondern auf den Aufbau geachtet habe.


Dann kam dieser eine Moment. Eine Person läuft aus dem Schatten ins Licht. Genau entlang dieser Linie, sauber getrennt vom Hintergrund, klar im Bild positioniert. Kein Chaos, kein Zufall, nichts stört. Ein Schritt zu früh und die Figur wäre noch im Schatten gewesen. Ein Schritt zu spät und die Balance wäre weg gewesen. Genau in diesem Übergang habe ich ausgelöst.


Ich habe davor ständig fotografiert, aber selten wirklich entschieden. Ich habe nicht darüber nachgedacht, wo ich stehe, wie sich Linien im Bild verhalten oder wann ein Moment wirklich passt. Ich habe einfach genommen, was passiert ist. In dieser Szene habe ich zum ersten Mal bewusst gestaltet. Standpunkt gewählt, Bildaufbau festgelegt, Hintergrund kontrolliert, Licht gezielt genutzt und dann gewartet, bis alles zusammenkommt.


Ab da hat sich mein Verhalten verändert. Ich habe angefangen, zuerst nach Licht zu suchen, dann nach Flächen und Linien und erst danach nach Menschen. Ich habe mir Szenen gebaut, die technisch funktionieren, und habe darauf gewartet, dass sich ein Moment darin entwickelt. Das hat dazu geführt, dass ich weniger fotografiert habe, aber deutlich gezielter.


Am Anfang fühlt sich das falsch an. Du lässt bewusst Bilder liegen, die früher für Dich funktioniert hätten. Du gehst weiter, obwohl Du nichts fotografiert hast. Aber wenn dann ein Bild sitzt, merkst Du sofort den Unterschied. Klarer Aufbau, saubere Trennung, ein Moment, der nicht zufällig wirkt, sondern genau dort passiert, wo Du ihn haben willst. Und genau da hat sich mein Blick verändert. Nicht, weil ich plötzlich besser geworden bin, sondern weil ich angefangen habe, bewusst zu entscheiden, wann ich nicht abdrücke.


Wann ich angefangen habe, Menschen wirklich zu sehen

An diesem Punkt hatte ich meine Bilder im Griff. Licht, Linien und Hintergrund waren sauber. Ich wusste, wo ich stehen muss, wie ich eine Szene aufbaue und wann ich auslöse. Technisch hat das funktioniert, und genau deshalb ist mir irgendwann aufgefallen, was fehlt. Die Bilder waren korrekt, aber sie haben mich selbst nicht interessiert. Ich habe sie angeschaut, verstanden, warum sie funktionieren, und bin weiter. Kein Bild, bei dem ich länger hängen geblieben bin, kein Detail, das mich nochmal zurückgezogen hat. Alles war richtig, aber nichts war wirklich relevant.


Der Grund dafür war ziemlich simpel, auch wenn ich ihn lange ignoriert habe. Ich habe Menschen fotografiert, ohne sie wirklich zu sehen. Sie waren Teil meiner Gestaltung, sind durch mein Licht gelaufen, haben meine Flächen gefüllt und haben dafür gesorgt, dass im Bild überhaupt etwas passiert. Ob diese Person selbst etwas mitbringt, habe ich nicht hinterfragt. Sie hätte durch jede andere ersetzt werden können, ohne dass sich am Bild etwas ändert. Und genau das ist das Problem. Ein Bild kann sauber aufgebaut sein und trotzdem komplett austauschbar wirken, wenn der Mensch darin nichts erzählt.



Ab da habe ich angefangen, meinen Fokus zu verschieben. Nicht mehr nur auf die Szene, sondern auf die Person selbst. Wie bewegt sich jemand, wie hält jemand den Kopf, wohin geht der Blick, wie verändert sich eine Körperhaltung innerhalb von ein paar Sekunden. Ob jemand einfach nur von A nach B läuft oder ob in diesem Moment etwas passiert, das über diese Bewegung hinausgeht. Das sind keine großen Gesten, nichts Spektakuläres, nichts, was sofort ins Auge springt. Es sind oft minimale Veränderungen, die Du nur wahrnimmst, wenn Du wirklich hinschaust und nicht nur darauf wartest, dass jemand Deine Komposition „füllt“.


Genau da habe ich gemerkt, wie viele meiner Bilder eigentlich leer sind. Die Komposition passt, das Licht ist sauber, der Moment sitzt technisch, aber die Person im Bild bleibt austauschbar. Kein Ausdruck, keine Spannung, kein Detail, das hängen bleibt. Das Bild funktioniert auf einer gestalterischen Ebene, aber es transportiert nichts darüber hinaus. Und genau das ist mir irgendwann zu wenig geworden, weil ich gemerkt habe, dass ich zwar Bilder produziere, aber kaum welche mache, die wirklich etwas erzählen.


Also habe ich angefangen, bewusster auszuwählen und genau das war unangenehmer, als ich gedacht habe. Ich habe Bilder liegen gelassen, obwohl sie eigentlich fertig waren. Licht gut, Aufbau gut, alles passt, aber die Person im Bild war egal. Und wenn sie egal ist, ist es das Bild auch. Das bedeutet konkret, dass Du vor einer Szene stehst, alles vorbereitet hast und trotzdem nicht abdrückst, weil dieser eine Moment fehlt. Früher hätte ich solche Bilder mitgenommen, heute lasse ich sie liegen, weil ich weiß, dass sie mir am Ende nichts geben.


Das hat meine Art zu fotografieren spürbar verändert, weil ich angefangen habe, länger auf einzelne Menschen zu schauen. Nicht im Sinne von Starren, sondern im Beobachten. Wie bewegt sich jemand durch den Raum, wie verändert sich die Geschwindigkeit, wann entsteht eine kleine Spannung im Verhalten. Du entwickelst mit der Zeit ein Gefühl dafür, wann sich ein Moment aufbaut und wann einfach nur Bewegung stattfindet. Und genau diese Unterscheidung macht den Unterschied zwischen einem Bild, das funktioniert, und einem Bild, das hängen bleibt.


Das Schwierige daran ist, dass Du diesen Teil nicht kontrollieren kannst. Du kannst Dein Licht wählen, Deinen Standpunkt festlegen, den Hintergrund sauber halten und Deinen Bildausschnitt definieren. Aber der Mensch im Bild bringt immer etwas mit, das außerhalb Deiner Kontrolle liegt. Du kannst es nicht planen, nicht wiederholen und nicht korrigieren. Du kannst nur bereit sein, es zu erkennen. Und wenn Du es verpasst, ist es weg. Kein zweiter Versuch, kein Nachstellen, nichts.


Genau da habe ich verstanden, worum es für mich in der Streetphotography eigentlich geht. Nicht um perfekte Linien, nicht um sauberes Licht und auch nicht um technische Präzision. Das sind alles Werkzeuge, die Dir helfen, ein Bild zu strukturieren. Der eigentliche Inhalt kommt immer vom Menschen im Bild. Wenn dieser Moment fehlt, bleibt auch das beste Setup leer. Und genau ab diesem Punkt war die Person im Bild nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern der eigentliche Grund, warum ich überhaupt abdrücke.


Wie sich mein eigener Stil entwickelt hat

Ich arbeite selten frontal, selten auf Augenhöhe im klassischen Sinn und fast nie aus der Mitte heraus. Stattdessen suche ich mir bewusst Positionen, die leicht versetzt sind, oft mit einem Element zwischen mir und dem eigentlichen Motiv. Das kann eine Kante sein, ein Fenster, eine Spiegelung oder einfach eine Struktur im Raum, die mir eine natürliche Begrenzung gibt. Dadurch entsteht automatisch eine Trennung zwischen mir und der Situation, die sich auch im Bild wiederfindet. Ich bin nah genug dran, um den Moment zu lesen, aber weit genug weg, um ihn nicht zu beeinflussen.


Technisch bedeutet das für mich vor allem Kontrolle über den Bildausschnitt, bevor überhaupt etwas passiert. Ich arbeite häufig mit festen Brennweiten, meistens im Bereich um 35mm, weil ich damit nah genug dran bin, ohne zu verzerren, und gleichzeitig noch genug Umgebung im Bild habe. Die Blende liegt oft im mittleren Bereich, irgendwo zwischen f/5.6 und f/8, damit ich genug Schärfentiefe habe, um nicht ständig nachfokussieren zu müssen, aber trotzdem eine klare Trennung im Bild bekomme. Der Fokus sitzt meist nicht auf einer Person, sondern auf einer Zone im Raum, in die sich die Situation hinein entwickeln kann.


Das Entscheidende ist aber nicht die Einstellung, sondern die Art, wie ich den Raum lese. Ich suche nicht nach Motiven, sondern nach Strukturen, die funktionieren, wenn etwas passiert. Lichtkanten, Übergänge, ruhige Hintergründe, Flächen, die sich voneinander absetzen. Sobald das steht, warte ich nicht mehr auf „irgendwen“, sondern auf den richtigen Moment innerhalb dieses Rahmens. Und genau da kommt dieser Blick ins Spiel, der meinen Stil wahrscheinlich am besten beschreibt. Es ist kein direkter Blick, kein bewusstes „ich fotografiere jetzt diese Person“, sondern eher ein kurzes Erfassen, fast wie aus dem Augenwinkel.


Diese Art zu sehen hat einen großen Einfluss darauf, wie meine Bilder wirken. Sie sind selten komplett offen, selten vollständig erklärt. Oft ist etwas im Weg, etwas schneidet ins Bild rein, etwas verdeckt einen Teil der Szene. Das ist kein Fehler, sondern Absicht, weil es näher an dem ist, wie man Situationen tatsächlich wahrnimmt. Du siehst nie alles perfekt, Du bekommst immer nur Ausschnitte, Überlagerungen, Brüche. Genau das versuche ich im Bild zu behalten, statt es wegzuoptimieren.


Das führt auch dazu, dass ich deutlich weniger eingreife als früher. Ich räume das Bild nicht komplett auf, ich korrigiere nicht jede Störung und ich versuche nicht, alles perfekt auszurichten. Wenn etwas leicht schief ist, wenn sich Dinge überlagern oder wenn ein Element nicht ganz „sauber“ sitzt, lasse ich es oft genau so stehen, solange es den Moment nicht kaputt macht. Früher hätte ich das als Fehler gesehen, heute ist es Teil der Bildsprache.


Ich gehe nicht frontal rein, ich halte Abstand, ich arbeite mit Rahmen und ich entscheide sehr früh, was überhaupt in Frage kommt. Alles, was nicht in dieses Raster passt, fällt automatisch raus, noch bevor ich darüber nachdenke, ob ich es fotografieren sollte. Am Ende bleibt genau das übrig, was ich sehen will. Menschlich nah, aber aus einer klaren Beobachterperspektive heraus. Kein Zugriff auf die Szene, kein Eingreifen, keine Inszenierung. Eher dieser eine kurze Moment, den man im Vorbeigehen mitnimmt, ohne ihn festhalten zu wollen.


Meine wichtigsten Learnings aus 5 Jahren

  1. Weniger ist mehr

    Viele Menschen, viele Ebenen, viel Bewegung. Je voller das Bild, desto „interessanter“ erschien es mir. In der Praxis führt das aber fast immer dazu, dass der Blick keinen Halt findet. Es gibt keinen klaren Einstieg, keine Führung und kein Element, das das Bild trägt. Heute denke ich komplett anders darüber. Ich baue meine Bilder bewusst reduziert auf. Klare Flächen, definierte Übergänge, saubere Trennung zwischen Motiv und Hintergrund. Technisch bedeutet das für mich vor allem, dass ich meinen Standpunkt viel bewusster wähle und schon vor dem Auslösen entscheide, was im Bild bleibt und was nicht. Jede zusätzliche Form, jede Linie und jede Bewegung muss einen Beitrag leisten. Wenn sie das nicht tut, gehört sie nicht ins Bild.


  1. Timing ist eine Entscheidung

    Ich habe lange aus dem Impuls heraus fotografiert. Sobald sich etwas bewegt hat, habe ich ausgelöst. Das fühlt sich im Moment richtig an, führt aber oft dazu, dass man den eigentlichen Moment verpasst. Timing hat nichts damit zu tun, schnell zu sein, sondern damit, präzise zu sein. Der Unterschied liegt oft in einem einzigen Schritt, in einer minimalen Veränderung der Position oder in einem kurzen Blick, der nur für einen Bruchteil einer Sekunde sichtbar ist. Technisch heißt das für mich auch, dass ich meine Kamera so einstelle, dass ich nicht darüber nachdenken muss, wenn es passiert. Blende, Verschlusszeit und Fokus sind vorbereitet. Ich warte nicht darauf, dass irgendetwas passiert, sondern auf genau den Moment, in dem alles zusammenpasst. Und wenn dieser Moment nicht kommt, dann mache ich kein Bild.


  1. Bildaufbau ersetzt keinen Inhalt

    Das war wahrscheinlich das unangenehmste Learning. Ich hatte irgendwann Bilder, die technisch wirklich gut waren. Licht passt, Komposition passt, alles sitzt. Und trotzdem waren sie langweilig. Weil der Mensch im Bild nichts transportiert hat. Keine Spannung, kein Ausdruck, keine Situation, die über reine Bewegung hinausgeht. Das hat mir gezeigt, dass ein sauberer Aufbau nur die Grundlage ist, nicht das Ziel. Du kannst das perfekte Licht haben, die beste Perspektive und die sauberste Trennung im Bild und trotzdem ein belangloses Foto machen. Seitdem achte ich deutlich mehr darauf, was im Bild passiert, nicht nur darauf, wie es aufgebaut ist. Wenn der Moment nichts trägt, bringt mir auch die beste Gestaltung nichts.


  1. Bedingungen statt den Moment kontrollieren

    Das ist der Punkt, an dem viele scheitern, mich eingeschlossen. Man versucht, den Moment zu erzwingen. Schneller zu reagieren, näher ranzugehen, mehr zu fotografieren. In Wirklichkeit funktioniert es genau andersrum. Du kontrollierst nicht, was Menschen tun. Du kontrollierst nur den Rahmen, in dem es passiert. Standpunkt, Bildausschnitt, Licht, Hintergrund. Das sind die Dinge, die Du bewusst festlegen kannst. Alles andere entsteht oder entsteht eben nicht. Genau deshalb arbeite ich heute viel stärker mit vorbereiteten Szenen. Ich suche mir eine Situation, die technisch funktioniert, und warte dann, bis sich darin etwas entwickelt. Wenn nichts passiert, gehe ich weiter. Aber ich versuche nicht mehr, den Moment zu erzwingen.


  1. Stil entsteht durch das, was man weglässt

    Am Anfang denkt man, Stil entsteht durch Technik, durch Bearbeitung oder durch bestimmte Motive. In der Realität entsteht er durch Entscheidungen. Vor allem durch die Entscheidungen, die Du nicht triffst. Welche Szenen Du ignorierst, welche Bilder Du nicht machst und welche Du später nicht zeigst. Ich habe über die Zeit gemerkt, dass sich mein Blick immer weiter eingrenzt. Nicht im negativen Sinne, sondern im Gegenteil. Ich weiß schneller, was für mich funktioniert und was nicht. Dadurch fotografiere ich weniger, aber gezielter. Mein Stil ist kein festes Konzept, sondern ein Filter, der ständig mitläuft. Und genau dieser Filter sorgt dafür, dass sich meine Bilder ähnlich anfühlen, auch wenn die Situationen komplett unterschiedlich sind.


10 Tipps für Eure Streetphotography

  1. Versteht, wo Ihr unterwegs seid

    Streetphotography funktioniert in jeder Stadt anders. In Tokyo kannst Du oft deutlich näher ran, ohne dass jemand reagiert. In New York wirst Du teilweise direkt angeschaut oder angesprochen. In Europa ist es irgendwo dazwischen, oft sensibler, oft zurückhaltender. Wenn Ihr das ignoriert, merkt man das sofort. Gute Streetphotography passt sich dem Ort an, nicht umgekehrt.


  1. Nähe ist nicht nur eine Frage der Distanz

    Ihr könnt zwei Meter vor jemandem stehen und trotzdem „unsichtbar“ sein. Oder Ihr seid zehn Meter entfernt und die Situation ist komplett tot, weil Ihr auffallt. Es geht weniger darum, wie nah Ihr physisch seid, sondern wie Ihr Euch bewegt. Ruhig, selbstverständlich, ohne Zögern. Sobald Ihr unsicher werdet, wird die ganze Szene unsicher.


  1. Reaktionen verstehen, bevor man auslöst

    Menschen geben Euch ständig Signale. Blickkontakt, Körpersprache, minimale Reaktionen. Wenn jemand Euch bewusst wahrnimmt, ist der Moment oft schon vorbei. Dann habt Ihr kein ehrliches Bild mehr, sondern eine Reaktion auf Euch. Lernt, diese Signale früh zu erkennen und entscheidet dann, ob Ihr fotografiert oder nicht.


  1. Nicht jede Kultur verzeiht Euch dasselbe Verhalten

    Was in einer Stadt völlig normal ist, kann in einer anderen respektlos wirken. In asiatischen Ländern wird oft weniger direkt reagiert, aber das heißt nicht, dass es automatisch okay ist. In südlichen Ländern ist der Umgang oft offener, aber auch direkter. Ihr müsst verstehen, wie Menschen in diesem Umfeld ticken, sonst fotografiert Ihr gegen die Situation statt mit ihr.


  1. Wenn Ihr unsicher seid, lasst es

    Das ist kein schwacher Move, sondern meistens die richtige Entscheidung. Wenn Ihr merkt, dass sich etwas nicht gut anfühlt, dann stimmt es in der Regel auch nicht. Gute Streetphotography entsteht nicht aus Zwang. Ihr müsst nichts erzwingen, um ein gutes Bild zu bekommen.


  1. Respekt ist kein Bonus, sondern die Grundlage

    Ihr fotografiert echte Menschen in echten Momenten. Kein Set, keine Models, keine zweite Chance. Wenn Ihr Euch aufdrängt, zerstört Ihr die Situation. Und das sieht man im Bild. Gute Bilder entstehen, wenn Ihr Teil des Flusses seid, nicht wenn Ihr ihn unterbrecht.


  1. Manchmal hilft ein kurzer Blick oder ein Nicken

    Nicht jede Situation muss komplett „heimlich“ passieren. Es gibt Momente, in denen ein kurzer Blickkontakt oder ein leichtes Nicken reicht, um zu zeigen, dass Ihr nichts Verstecktes macht. Das kann die Situation sogar entspannen. Wichtig ist, dass es natürlich bleibt und nicht ins Gestellte kippt.


  1. Je ruhiger Ihr seid, desto weniger fallt Ihr auf

    Hektische Bewegungen, ständiges Neu-Positionieren, auffälliges Verhalten. All das macht Euch sichtbar. Wenn Ihr ruhig arbeitet, Euch wenig bewegt und nicht permanent reagiert, werdet Ihr Teil der Umgebung. Und genau dann entstehen die besten Momente.


  1. Nicht jedes Motiv muss fotografiert werden

    Das ist vielleicht der ehrlichste Punkt. Nur weil Ihr es könnt, heißt das nicht, dass Ihr es solltet. Es gibt Situationen, die fotografisch interessant sind, aber menschlich einfach nicht passen. Das muss man akzeptieren. Ein gutes Bild ist nie wichtiger als die Situation selbst.


  1. Wenn Ihr merkt, dass Ihr stört, seid Ihr zu weit gegangen

    Das ist die einfachste Regel und gleichzeitig die wichtigste. Sobald Ihr Einfluss auf die Szene nehmt, ist der Moment vorbei. Dann seid Ihr nicht mehr Beobachter, sondern Teil des Geschehens. Und genau das wollt Ihr in den meisten Fällen vermeiden.


Fazit: Warum ich heute anders durch Städte gehe

Wenn ich heute durch eine Stadt gehe, hat sich nicht nur meine Art zu fotografieren verändert, sondern vor allem meine Art zu hinzuschauen. Früher war ich permanent im Suchmodus, immer auf der Jagd nach dem nächsten Motiv, nach Bewegung, nach Situationen, die auf den ersten Blick funktionieren. Ich bin durch Straßen gelaufen mit dem Gefühl, dass ich jederzeit etwas verpassen könnte, wenn ich nicht schnell genug reagiere. Dieses Tempo hat mich angetrieben, aber gleichzeitig auch dafür gesorgt, dass ich vieles gar nicht wirklich wahrgenommen habe, weil ich gedanklich immer schon einen Schritt weiter war.


Heute ist das deutlich ruhiger geworden, ohne dass ich bewusst langsamer gehen muss. Der Unterschied liegt im Kopf. Ich laufe nicht mehr durch eine Stadt, um etwas zu finden, sondern ich lasse Situationen auf mich zukommen und entscheide viel bewusster, wann ich überhaupt fotografiere. Das führt automatisch dazu, dass ich weniger Bilder mache, aber genau das ist der entscheidende Punkt. Es geht nicht mehr darum, möglichst viel mitzunehmen, sondern darum, im richtigen Moment bereit zu sein. Dieser Wechsel von Quantität zu Präzision hat meinen kompletten Ansatz verändert.


Was sich dabei am stärksten verschoben hat, ist mein Blick auf das, was ich fotografiere. Früher habe ich versucht, Szenen einzufangen, heute versuche ich, sie zu verstehen. Ich schaue nicht mehr nur auf das Offensichtliche, sondern auf das, was zwischen den Dingen passiert. Kleine Veränderungen in der Körperhaltung, ein kurzer Blick, der nicht ganz zu Ende geführt wird, ein Moment, der nicht laut ist, aber genau deshalb funktioniert. Diese Feinheiten gehen komplett unter, wenn man nur darauf wartet, dass „etwas passiert“, und genau da lag lange mein Fehler.


Streetphotography hat für mich dadurch eine ganz andere Bedeutung bekommen. Es ist kein Jagen mehr nach Motiven, sondern ein Beobachten von Situationen. Das klingt simpel, ist aber alles andere als einfach, weil es Geduld erfordert und die Bereitschaft, Dinge bewusst liegen zu lassen. Es bedeutet auch, dass man sich selbst zurücknimmt und akzeptiert, dass man nicht Teil der Szene ist. Je weniger man eingreift, desto ehrlicher wird das Bild. Diese Haltung hat sich nicht von heute auf morgen entwickelt, sondern ist das Ergebnis vieler Bilder, die zwar funktioniert haben, aber nichts transportiert haben.


Gleichzeitig ist mein Umgang mit dem Ergebnis entspannter geworden. Ich fotografiere nicht mehr, um ein bestimmtes Bild zu bekommen, sondern weil sich ein Moment ergibt, der sich richtig anfühlt. Wenn das nicht passiert, gehe ich weiter, ohne das Gefühl zu haben, etwas verpasst zu haben. Früher wäre das für mich undenkbar gewesen, weil ich jede halbwegs gute Situation mitgenommen hätte. Heute weiß ich, dass genau diese Zurückhaltung oft der Grund ist, warum die Bilder, die ich mache, deutlich stärker sind.


Was ich über die Jahre verstanden habe, ist, dass Streetphotography nichts ist, das man irgendwann „beherrscht“. Es ist ein Prozess, der sich ständig verändert, weil sich auch der eigene Blick ständig verändert. Dinge, die früher wichtig waren, verlieren an Bedeutung, andere rücken in den Vordergrund, oft ohne dass man es direkt merkt. Man entwickelt ein Gefühl dafür, was funktioniert und was nicht, und dieses Gefühl wird mit der Zeit immer klarer.


Wenn ich heute fotografiere, geht es mir nicht mehr darum, etwas Besonderes zu finden, sondern darum, etwas Echtes zu erkennen. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied, weil er den kompletten Ansatz verändert. Ich suche nicht mehr nach Bildern, ich reagiere auf Momente, die sich ergeben, und genau darin liegt für mich der Reiz.



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Hey, ich bin Endre - der Inhaber von fokus fernweh. Ich hoffe, dass ich Euch inspirieren kann, neue Orte zu entdecken und die Welt zu bereisen! Ob Ihr erfahrene Globetrotter seid oder gerade erst mit dem Reisen begonnen habt - ich hoffe, Ihr findet hier die Motivation und die Informationen, die Ihr für Eure Unternehmungen braucht!

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